Rügen

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Geschrieben von Uli

Uli goes east

"Zwei Rentner aus Rügen lagen in den letzten Zügen, in den ersten konnten sie nicht liegen, denn die halten nicht auf Rügen" (Ingo Insterburg)

Im Voraus

Eins muss ich vorweg schicken: Seit ich denken kann - man hätt' mich prügeln oder bezahlen können. Ich? In die DDR? NIE!

Wenn ich die Sprache schon höre. Da rollen sich einem doch die Fußnägel auf. Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist: Styropor auf Glas.

Nicht mal Berlin konnte mich reizen. Wenn ich an die Horrorgeschichten denke von denen, die "drüben" von Zeit zu Zeit ihre Verwandtschaft besuchten - Nein Danke.
Die hätten mich garantiert an der Grenze erschossen oder lebenslang nach Sibirien deportiert.
Meine Freundin Elli und ich machen seit einiger Zeit ein Mal im Jahr eine Busreise.
Immer über's Wochenende und immer mit Hafermann Reisen .

Die Fahrten sind immer sehr gut organisiert und 3 bis 4 Tage kann man sich ruhig mal "führen" lassen. Sonst kriegt man das ja alles gar nicht zu sehen, wenn man alleine unterwegs ist. Und die Hotels sind immer so gut, dass der Zimmerpreis pro Nacht oft ähnlich hoch ist, wie die komplette Wochenend-Tour.
In Straßburg, Paris, Hamburg, Garmisch/München und Berlin waren wir schon. Wir wechseln uns mit der Auswahl des Reiseziels und der Buchung immer ab. Und für Berlin im letzten Jahr ist natürlich Elli verantwortlich (und die hätten sie dort, vor rund 30 Jahren, wirklich beinahe erschossen).
Ich hätte das NIE gebucht.
Aber, was soll ich sagen, es hat mir gut gefallen. Sogar und ganz besonders Potsdam (mal abgesehen von der unglaublichen Steuerverschwendung).

Nach dem mir also sowohl Berlin als auch die Berliner so gut gefallen haben (mal abgesehen von der bodenlosen Steuerverschwendung) bin ich mutiger geworden.

Irgendwie waren wir bei dem sagenhaften Sommer, der uns in diesem Jahr beschert wurde, auf Wasser programmiert und haben uns daher für die Ostseeinsel Rügen entschieden. Na ja, so hoch im Norden haben die doch auch noch einen ganz akzeptablen Dialekt (hoffe ich).

Der Text der Reisebeschreibung liest sich verlockend: "Nach dem Frühstück starten wir zur großen Inselrundfahrt: unberührte Natur, die berühmten Kreidefelsen und die brausende Brandung der Ostsee, blühende Wiesen und schöne Wälder, verträumte Dörfer und Städtchen - Sie werden begeistert sein." ... die brausende Brandung der Ostsee??? Geil! Die will ich sehen - und wehe nicht, sonst brause ich.

Elli und ich müssen, wie immer, bei Nacht & Nebel raus, um 5.30 Uhr holt uns der Bus in Oberbarmen ab. Das heißt den Wecker auf kurz nach vier stellen. Aber das wird schon, wir können ja immer noch ein bisschen Schlaf im Bus nachholen (sagen wir jedes Mal, klappt aber nie).

Ganz gespannt bin ich schon auf die Gesellschaft, die uns im Bus erwarten wird. Hoffentlich sind da nicht wieder so versoffene Weiber unterwegs. Auf der Fahrt nach Paris trafen wir im Bus auf eine Gruppe junger Bauersfrauen aus Münster, die morgens um halb sechs bereits so betrunken waren, dass man sie auf nüchternen Magen kaum ertragen konnte. Und wenn man glaubte, die müssten doch irgendwann mal müde werden, so hatte man sich schwer geirrt. Man sollte den Münsterländer an sich nicht unterschätzen.

Auf der Fahrt nach Berlin ging's nicht ganz so schrecklich zu, allerdings tat sich da eine Frau hervor, die meinte, immer in unser aller Namen irgendwelchen Blödsinn lautstark von sich geben zu müssen. Unaufhörlich demonstrierte sie, dass die Sitze nicht ausreichend Platz für ihr langes Fahrgestell böten, in dem sie sich ständig rekelte, die Beine, die in auffallend rot-karierten Hosen steckten, in den Flur als Stolperfalle für die anderen legte oder die halbe Zeit mitten im Gang stand. Und was tat sie dabei wichtig, ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was sie wohl so beruflich macht. Vielleicht hat sie ja auch einen reichen Ehemann und das Selbstarbeiten gar nicht nötig?

Wie gesagt, sie war nicht ganz so schlimm, wie andere Reisebekanntschaften, die wir schon zwangsweise schließen mussten. Oder hat jemand eine Idee, wie man über Stunden in einem Reisebus dem unsinnigen Geplapper von manchen Mitreisenden entgehen kann. Ne, wir och nich, wie der Berliner zu sagen pflegte. Doch nach einer gewissen Zeit nervte sie trotzdem, die rot-karierte Dame. Ich wünschte mir, wir wären bereits in unserem Ostsee Hotel und könnten uns schon über sie amüsieren. Doch das kam dann nach unserem Urlaub. Denn etwa ein Vierteljahr später traf Elli die rot-karierte Hose wieder, und zwar hinter der Kasse eines Minimal-Marktes. Da war es ihr wohl nicht zu eng.

 

Donnerstag

Es Ernaging schon gut los. Bin zwar pünktlich aufgestanden und war auch Fritzrasch fertig, aber die verflixten Schildkröten, die ich in Urlaubsvertretung habe, wollten um diese frühe Stunde nicht fressen. Erna und Fritz waren noch ganz verschlafen und haben gar nicht begriffen, was ich von ihnen wollte. Normalerweise ist insbesondere Erna so gierig, dass sie mir immer in die Finger beißt.

Macht hin, ihr blöden Kröten, ich verpasse euretwegen noch den Bus.
Und fast hätte ich ihn auch verpasst.
Als ich in Oberbarmen an einer roten Ampel warten musste, die überhaupt nicht grün werden wollte, kam mir schon ein Hafermann Bus entgegen. Uuuuups, das ist doch hoffentlich nicht meiner?
Scheiße.
Und noch eine rote Ampel. Und beim Abbiegen auf den Gegenverkehr warten. Und wieder ein Stück zurück einen Parkplatz finden. Langsam wurde ich hektisch. Hoffentlich ist Elli schon da, und sacht Bescheid. Einen Parkplatz direkt neben Ellis Auto gefunden, Taschen raus und losgespurtet. Leider bin ich nicht bei bester Kondition und musste den Laufschritt bald gegen eine langsamere Gangart eintauschen. Bis zur Reisebushaltestelle sind es gut und gerne 500 Meter zu laufen und ich war fix und fertig, als ich ankam. Elli wartete schon auf mich und auch der Busfahrer, der sich nicht verkneifen konnte, mich mit "beim nächsten Mal müssen Sie aber früher aufstehen" zu begrüßen. Bin ich, sagte ich, bin ich. Tatsache ist, dass ich um exakt 5:31 Uhr im Bus saß - und was will man mehr.

Unsere Plätze waren ziemlich in der Mitte, kurz vor der hinteren Tür. Und vor uns sahen wir fast ausschließlich die typischen Dauerwellen der Damen ab 65, in allen Grauschattierungen. Na klasse, ein Rentnerbus. Das habe ich jetzt davon, dass ich keine jungen Münsterländerinnen dabei haben wollte.

Hinter mir hörte ich so eine nüllend-nörgelnd-tonlose "Tante-Helga"-Stimme (Rüdiger weiß, wer gemeint ist), die uns aber im Laufe der Fahrt noch sehr viel Spaß bereiten sollte.

Von Oberbarmen aus ging's erst nach Bochum, am Hauptbahnhof stiegen noch Leute zu, und dann nach Witten, bei den Hafermann-Hallen wurden die Fahrer getauscht, und dann ging's los. Der Reiseleiter stellte sich (Hermann) und den Fahrer (Gerd) vor und bereitete uns auf das Programm der folgenden vier Tage vor.

Her(r)mann rollte das R sehr schön, hatte aber ansonsten einen ziemlich zackigen , bestimmenden und fast unfreundlichen Tonfall, irgendwie war Reiseleiter wohl nicht seine Berufung. Viele seiner Sätze begannen mit "Ich habe Ihnen schon mehrmals gesagt, dass ...".

Bei der ganzen Renterschar graute mir schon vor dem Musikprogramm, das unweigerlich auf uns zukommen würde. Und als Freddy Breck sang: "... wohin der Wind uns weht, und wohin die Reise geht..." war das zwar sehr passend aber auch ebenso Grauen erregend. Das konnte ja heiter werden. Zum Glück hatte Gerd ein Einsehen und es blieb nicht bei solchen in Töne gefassten Schmonzetten.

Unsere erste Rast machten wir in Vechta und HeRRmann zeigte uns gleich, wo's langgeht. Pünktlich um (ich weiß nicht mehr, wann) soll's weiter gehen, und da kennt er kein Pardon. Da kamen echte Führerqualitäten durch, und ich meine hier keinen Reiseführer. Die Überraschung traf mich aber vor dem Bus als ich dort auf drei mir bekannte Gesichter stieß. Ist schon komisch, da denkt man an nichts Böses und trifft auf solch einer Busfahrt Leute, die man seit fast 30 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Unterwegs machte uns HeRRmann auf jedes Windrad aufmerksam, das am Wegesrand steht. Er nannte sie 'Elektrogeräte auf normalem Masten' und konnte seine politische Meinung über deren Unwirtschaftlichkeit nicht für sich behalten. Er reichte sogar Zeitungsartikel herum, um uns auf den rechten politischen Pfad zu bringen. Außerdem kündigte er jeden Vogelschwarm und jede Wildwechsel-Brücke an.

Zu Schlop SchwerinMittag aßen wir in Schaalsee, wo Tante Helga meinte, die ewige Pisserei ging ihr auf'n Arsch, und am Nachmittag hatten wir leider nicht sehr viel Zeit, um die Innenstadt, das Schloss sowie den großen See in Schwerin zu besichtigen. Aber andererseits wollten wir ja auch irgendwann mal in Bergen ankommen. Unterwegs wusste der ReiseFührer zu berichten, wie arm die Ossis doch vor der Wende dran waren, dass sie noch nicht einmal Bürgersteige hatten und dass sie doch gar nichts dafür konnten, dass ihr Gebiet den Russen zugeteilt wurde. Aber welches verhungernde afrikanische Kind kann schon etwas für seinen Geburtsort? Es hat sicherlich auch nicht gedacht "Ach, lass mich doch einfach mal in Äthiopien auf die Welt kommen, da kann ich dann zwei, drei Jahre hungern bevor ich sterbe". Mann, ich wäre auch viel lieber als Tochter reicher Eltern auf die Welt gekommen, vielleicht in Monaco mit eigener Jacht und unbegrenzter Platin-Card ..... aber mache ich da irgendwen für verantwortlich oder verlange Entschädigung? Trotz des rollenden R's waren wir dann der Meinung, HeRRmann müsse aus der ehemaligen DDR stammen, so, wie er alles darstellt und verteidigt.

Ungeachtet von Staus und Umleitungen hatten wir endlich Rügen erreicht. Aber welche Enttäuschung, es wollte so gar kein Inselfeeling aufkommen, hinter dem Damm war quasi vor dem Damm. Es sah alles so aus, wie kilometerweise vorher auch schon: Äcker, Felder, Bäume, Büsche, alles, nur kein Sand, keine Dünenlandschaften, keine vom Wind gebeugten Bäume, keine sich an den Boden duckenden, Reet gedeckten Walmdachhäuser. Irgendwie gar keine richtige Insel.

Ich dachte, da gefällt mir Fanø aber viel besser und hinter mir sagte jemand: da finde ich es auf Sylt aber viel schöner.

Was im Grunde auf's Gleiche herauskommt.

Nach dem Einchecken im Hotel und einem leckeren kalt/warmen Buffet haben Elli und ich uns nur noch kurz die Beine vertreten und ein bisschen was von Bergen gesehen, was uns allerdings ziemlich ausgestorben und recht trostlos vorkam.

 

 

 

Freitag

Für heute hatten wir uns vorgenommen, am vorgesehenen Programm teilzunehmen. Es sollte erst um 9:15 Uhr losgehen, was ein nicht allzu frühes Aufstehen erforderte. Das Frühstücksbüffet ließ auch keine Wünsche offen und wir saßen alle wieder pünktlich im Bus zur Inselrundfahrt. Die begann so, wie sie gestern endete. Hinter mir hörte ich wie jemand sagte, das sähe ja alles genau so aus wie zuhause. Rasender RolandSie wüsste gar nicht, was die Leute hier alles so schön fänden. Und wirklich, es waren wieder endlose Felder, Wälder und Wiesen zu sehen, die von der traumhaften Architektur der DDR-Zeit unterbrochen wurden. Die meisten Plattenbauten waren zwar schon renoviert, aber hässlich waren sie immer noch. Warum man sie nicht gleich abgerissen hat, ist mir unverständlich. Ebenso wie schon in Potsdam und Berlin zu beobachten war, stehen sie nach der Renovierung doch nur leer. Und von Wasser keine Spur. Ich denke, wir sind hier auf 'ner Insel? Aber da, endlich blitzte Wasser durch die Bäume. Endlich das Meer. Nein, doch kein Meer, "nur" ein Bodden (HeRRmann sprach es immer Botten aus). Wunderschön mit all dem Schilf und der Sonne, die sich spiegelte. Und die Alleen, durch die wir fuhren, waren auch unglaublich schön. Zwischendurch sahen wir auch noch den Rasenden Roland auf seiner Tour über die Insel vorbei dampfen. Und HeRRmann ließ es sich nicht nehmen, ein Modell dieser Bahn ans Mikro zu halten und uns mit dem getuffe und getute das Trommelfell zu ruinieren.

Im Ostseebad Sellin stiegen wir aus und HeRRmann versammelte uns alle mit seinem erhobenen weißen Regenschirm um sich. Ich glaube, mittlerweile hatte auch der Letze begriffen, dass HeRRmann sie nicht alle hatte. Wir waren die einzige Reisegruppe weit und breit und es gab aber auch rein gar keine Veranlassung, sich besonders zu kennzeichnen. Man sammelte und unterhielt sich und HeRRmann fuhr sehr ungehalten dazwischen, dass wir doch alle zuhören sollten. Nachher würde wieder jemand den Weg zurück zum Bus nicht finden und er hätte den Ärger. Pfui, was sind wir aber auch ungezogene Kinder! Ab sofort haben Elli und ich so weit es ging Abstand von dem Oberlehrer gehalten, wir konnten das nicht mehr mit anhören.

Also Seebrücke SellinOhren zu und Augen auf: da war sie, die unbeschreiblich schöne Aussicht auf das endlos scheinende Meer, einen sagenhaften Horizont, der bald 180 Grad umfasste, und die fast märchenhaft anmutende Seebrücke, die aus einer anderen Welt zu sein scheint. Wir fanden Platz auf einer Bank ganz weit draußen, genossen die Aussicht und die Sonne und scherten uns nicht um die Geschichten, die HeRRmann mit seinem erhobenen weißen Regenschirm zum Besten gab. Allerdings hielt der Traum nicht lange an, Punkt 11.00 Uhr mussten wir wieder im Bus sitzen, damit wir die Bahn nicht verpassten. Vor'm Bus auf die restliche Mannschaft wartend erzählte uns ein Mitreisender der ganz vorne saß, dass HeRRmann auf seine gestrige Frage wann es denn Frühstück gäbe, gesagt habe: "Das bestimme immer noch ich, wann ich die Frühstückszeiten bekannt gebe" Und dabei habe er sich kräftig mit dem Zeigefinger auf die Brust getippt. Na klasse. Spätestens jetzt war Elli und mir klar, dass wir den morgigen Tag doch lieber ReiseFührer-frei verbringen Uli @ Ostseewollten. (Und, wie sich später herausstellte, hatte der betreffende Mitreisende die gleiche Idee.) Die darauf folgende Fahrt mit dem Rasenden Roland hätten wir uns allerdings auch sparen können. Es reicht vollkommen aus, ihn malerisch durch die Landschaft dampfen zu sehen, mitfahren ist jetzt nicht wirklich spannend.

 

Zum Mittagessen wurden wir ins Hotel am Wasser gekarrt, das natürlich nicht am Meer sondern an einem Bodden liegt. HeRRmann erlaubte uns, uns hinzusetzen, wo wir wollten, und nach dem Essen durften wir noch an den See zum Spielen gehen.

Anschließend Vittfuhren wir zu einem Parkplatz von dem aus uns ein Bähnchen ins malerische Fischerdörfchen Vitt brachte. Genau genommen nicht direkt ins Dörfchen, so aber doch in dessen Nähe. Ab der Endstation gingen wir an einer Kapelle vorbei einen schmalen Fußweg ein Stück den Berg hinunter und hatten von oben einen wunderbaren Blick auf zahlreiche Reet gedeckte Häuschen. Unglaublich, das Kleine Gallische Dorf gibt es wirklich. Wie vergessen lagen vor uns verstreut eine Handvoll wunderschön erhaltener oder restaurierter Häuschen. Der Weg durchs Dorf führte runter ans Meer und von dort aus ging ein Wanderweg weiter zum Kap Arkona .

Der Weg ist gesäumt von Schlehen- und Holundersträuchern und immer wieder zwischendurch hat man einen tollen Ausblick auf die Steilküste und die unendlich erscheinende Ostsee. Hier und da war ein Kunstobjekt installiert, zu dem HeRRmannKap Arkona natürlich seinen Senf abgab. Für Dinge dieser Art hat er kein Verständnis. Jetzt ist auch für mich die Natur immer noch der beste Künstler, aber derart über Kunst, Künstler und sogar über Gäste, die sein Gemecker schon kritisiert hatten, herzuziehen, zeugt nicht von guten Manieren. Elli und ich versuchten also auch hier, Abstand zu wahren (die Steilküste lockte doch sehr, mal auszuprobieren, wie lange es wohl dauert, bis .....) Nach ca. 1,2 km endet der Weg an zwei ausgesprochen fotogenen Leuchttürmen.

 

 

 

 

Von hier ab geht ein weiteres Bähnchen zurück zum Ausgangspunkt. Oder wie Oberlehrer HeRRmann es auszudrücken pflegte: Wir zeichnen ein Dreieck. Ich dachte an Agatha Christie, die Geschichte Königsstuhlmit dem Mord im Arkona- äh Orient-Express schien immer mehr Sinn zu machen.

Bevor es wieder in den Bus ging, konnten wir noch einmal auf die Toilette, was die meisten, wegen des Eintrittsgeldes von 50 Cent, aber nicht genutzt haben. Hinter mir hörte ich "Tante Helga" sagen: "das halbe Geld hab' ich schon verpisst".

Mit dem Bus ging's dann weiter durch den Nationalpark Jasmund, in dem es über 20 Arten wilder Orchideen geben soll (von denen nicht eine Blüte zu sehen war), zum Königsstuhl .

Dort erwartete uns ein gigantischer Ausblick auf die Kreideküste und wieder einen endlos scheinenden Horizont.

Hier versuchte HeRRmann uns klar zu machen, dass die sommerlichen Waldbrände doch um ein vielfaches umweltschädlicher seien, als sämtliche Autoabgase zusammen genommen. Was das jetzt mit dem Ausblick, den Felsen und dem Hünengrab zu tun hatte, weiß er wohl selbst nicht, daher kann ich dazu nur sagen: Thema verfehlt, sechs, setzen!

Von dem Park und dem Grab hatte ich schon mal in Volkers Risiko Sendung gehört, da war eine Frage, die er nicht beantworten konnte. Nach dem sagenumwobenen jungsteinzeitlichen Großgrab namens Pfenniggrab, das wir aber nicht besichtigten.

Abends gab's wieder was Leckeres zu essen und anschließend war eine Zwei-Mann-Kapelle engagiert, um für die Hafermann-Gäste zum Tanz aufzuspielen. Die Damen jenseits der sechzig hatten sich aber auch fein gemacht, meine Herren. HeRRmann war ganz aufgeregt, weil es doch tatsächlich ein paar Leute wagten, nicht sofort aufzuspringen und in den Tanzsaal zu stürmen. Wir haben uns dann stillschweigend verdrückt. Auf dem Marktplatz in Bergen fand an diesem Wochenende die RÜGANA, eine Leistungsschau, statt und dort spielte u. A. auch eine Live-Band immerhin Rockmusik. Da waren wir doch viel besser aufgehoben.

Die Seebrücke in Sellin wird übrigens abends sehr schön beleuchtet...

Seebrücke Sellin

 

Samstag

Heute hatten wir vor, zu schwänzen. Erst mal, weil es viel zu früh losgehen sollte, um 8.00 Uhr musste man schon im Bus sitzen, und dann hatten wir uns einen Tag ohne HeRRmanns schlaue Sprüche verdient. Aber ganz davon abgesehen wollten wir uns auch mal in die Sonne legen und die Füße ins Wasser halten oder auch mee(h)r - wozu sind wir schließlich auf eine Insel gefahren?

Für nachmittags war zwar eine Schifffahrt zu den Kreidefelsen geplant, aber man kann nicht alles haben.

Elli und ich haben uns davor gedrückt uns abzumelden. Es war aber auch die erste Tour, auf der nicht nach der Teilnahme gefragt wurde. HeRRmann setzte immer voraus, Kreidefelsendass alle mitwollen, selbst zu der nachmittäglichen Extra-Tour.

So klingelte morgens um kurz vor 8.00 Uhr das Telefon und HeRRmann wollte wissen, was los ist. Ich sagte ihm, wir hätten verschlafen, in der Nacht wäre so ein Lärm draußen gewesen und wir hätten den Wecker nicht gehört. Er solle ruhig ohne uns fahren. Das war überhauptsgarnicht gelogen, Krach war wirklich, die Dorfjugend hatte wohl auf dem Fest zu viel getrunken und die Straße vor dem Hotel zu einer Rennbahn umfunktioniert. Anfahren, Bremsen, Abbiegen - nichts ging ohne Reifenquietschen. Da war an Schlaf wirklich nicht zu denken. Und den Wecker haben wir nicht gehört, weil er gar nicht gestellt war.... (hammwer aber für uns behalten.)

Am Abend vorher hatten wir uns bereits nach Busverbindungen zum Meer erkundigt und nach einem ungestörten, ausgiebigen Frühstück haben wir uns mit dem Linienbus auf den Weg nach Sellin gemacht. War das eine entspannte Fahrt, kein dusseliges Gequatsche über Dinge, die die Welt nicht interessieren.

In Sellin fanden wir uns auch gleich zurecht; gut, dass wir vorher schon einmal da waren. Wir bummelten die Hauptstraße entlang, bestaunten die renovierten Häuser im Bäderstil, von denen eins schöner war als das andere, und Elli kaufte sich noch eine luftigere Hose, sie hatte nicht mit solch einem tollen Spätsommerwetter gerechnet. Und dann ging's zum Strand. Es war etwas windiger, als am Tag zuvor, und wir hatten Glück und konnten noch einen Strandkorb ergattern. Und genau genommen, war es Doppelglück, denn wir hatten einen erwischt, der bereits für den ganzen Tag bezahlt war. Pro Stunde 2,- bzw. pro Tag 6,50 Euro sind auch nicht ganz billig.

Mit richtig schöner Farbe im Gesicht und gut erholt ging's wieder zurück ins Hotel. Und wie sich beim Abendessen herausstellte, haben alle anderen das komplette Tagesprogramm mitgemacht. Die Vormittagstour nach Binz sei sehr schön gewesen, da waren sich alle einig. Aber die Schiffstour am Nachmittag wäre eine Katastrophe gewesen. Das relativ kleine Boot hat auf der brausenden Ostsee (o.k., o.k., ich nehme alles zurück) derart geschlingert, dass es allen schlecht wurde und die Fahrt abgebrochen (im doppelten Sinn) werden musste.

 

Sonntag

Schade, bei dem schönen Wetter hätte man noch so ein, zwei Tage dran hängen können - ohne HeRRmann mit seinem weißen Parapluie versteht sich. Aber, wat mut, dat mut, und um 8.00 Uhr waren wir Abfahrt bereit.

Die Rückfahrt war so spektakulär wie der Hinweg, rechts ein Schwarm Kiebitze, vor uns Wildwechselbrücken, links Windräder. Oder wie D. T. Heck sagen würde, ein Schnelldurchlauf in umgekehrter Reihenfolge. Zwischendurch reichte HeRRmann wieder irgendwelche Zeitungsausschnitte mit seiner politischen Meinung über frag-mich-nicht-was durch, von denen er eins wohl nicht zurück bekommen hat. Das konnte er ja gar nicht verknusen. Nach dem er uns alle persönlich danach gefragt hatte, startete er noch einen Rundruf per Mikro in dem er verkündete: "Ich muss, will und werde es wieder bekommen". Und tatsächlich fand er es unter seinen Sitz gerutscht.

 

Ich sage immer, es gibt eine Gerechtigkeit auf dieser Welt, man muss nur Geduld haben und warten können. Im Falle des HeRRmann brauchten wir gar nicht lange warten. Dat ging ganz flott. Als er mit uns in Oberbarmen ausstieg, wurde er schon von (seiner Frau?) erwartet. Sie stand mit ihrem Wagen an der Reisebushaltestelle, er hatte seine Taschen davor deponiert und wuselte noch um den Bus herum, um bei der Gepäckausgabe im Weg zu stehen. Als wir alle unsere Taschen hatten und uns davon machten, hörten wir hinter uns einen Aufschrei. Als der Bus abfuhr, fuhr auch seine Trulla vor - und mittenmang über sein Gepäck. Ich lach mich jetzt noch scheckig, wenn ich an sein Gesicht denke. Zu schön.

Nur seinem Schirm ist nix passiert, den lässt er wohl nicht aus den Augen und trägt ihn immer bei sich.

Im Nachhinein

Bei all unseren Reisen waren wir immer so begeistert, dass wir unbedingt noch einmal dort hin wollten. Machen wir natürlich nicht, solange es noch so viele neue Ziele gibt. Aber bei Rügen reicht es, einmal dort gewesen zu sein (trotz der unvorstellbaren Steuerverschwendung). Und wenn, reicht eine Woche vollends. Aber in Anbetracht der Strecke von fast 700 Kilometern sind die deutsche oder holländische Nordseeküste wohl eher zu empfehlen.

Zum Schluß noch eine Bildergalerie aus Sellin.

 

 

 

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