2. Woche

Uli hat sich vor ihrem ersten Amerika-Urlaub ein paar Gedanken gemacht und aufgeschrieben.

Die große Überfahrt
Oder wie Ulifix das Neue Land entdeckt
  Uli & Lal@ 2004

America, land of the free. –
Land of the free idiocy, of the free prudery, the free possessions of firearms, the free definition of legal system and the free disregard of culture.

Jeder von uns kennt sie, Dinge die wir niemals essen oder tun würden. Der eine kriegt schon bei dem bloßen Gedanken an Schnecken, Würmer oder Quallen Herpes, der andere würde niemals mit dem Fön in die Badewanne steigen. Und ich wollte nie nach Amerika. Aber was soll man machen, wenn man einen Mann trifft, der offensichtlich einen guten Geschmack hat. Soll man ihm sagen, hör mal Schatz, mit mir hast du ja wirklich eine gute Wahl getroffen, aber das Reiseziel schlag dir mal aus dem Kopf. Wenn man weiter nichts hat als seine Vorurteile.

Die spinnen doch alle, die Amis - hat Obelix schon festgestellt – (obwohl oder weil er annahm, in Nubien zu sein?). Ein ganzes Land voller wahnsinniger Widersprüche (oder widersprüchlicher Wahnsinniger, wer weiß das schon genau).

Die amerikanischen Jugendlichen sind weltweit am dicksten, hat eine Studie ergeben, und das in einem Land, in dem es die größte Vielfalt von Diet- und Light-Produkten gibt. Ich will wirklich nicht wissen, wie oder wonach fettfreie Milch schmeckt.
Amerikanische Jugendliche dürfen nicht wie bei uns in die Disco gehen geschweige denn Alkohol trinken, aber im Gun Shop neben dem Schnapsladen dürfen Sie schon mit 16 Jahren einkaufen.

Von Kultur kann hier keine Rede sein, wenn man beobachtet, wie Sprache und Speisen vergewaltigt werden.

In einigen Staaten ist man per Gesetz verpflichtet, eine Waffe bei sich zu tragen, in anderen dagegen ist es selbst Eheleuten verboten, nackt miteinander schlafen zu gehen.
In Film, Fernsehen oder Videospiel dürfen die brutalsten Grausamkeiten gezeigt werden, nur ein paar Nippel oder ein nackter Hintern gefährden die Welt. Böse Wörter werden überpiept, Livesendungen mit 5-sekündiger Verzögerung ausgestrahlt. Ein entblößter Busen führt zur Disqualifizierung. Ich würde mich nicht wundern, wenn stillende Mütter ihre Brust zukünftig in einer braunen Papiertüte verstecken müssen.

Im Selberkrieganzetteln und -spielen ist der Amerikaner groß, aber wehe, andere machen Zoff, dann drohen sie mit dem Zeigefinger und spielen die Moralapostel.
Die, die den Lord am lautesten prayen, befürworten am vehementesten den Krieg.
Was insofern kaum wundert, wenn man die zensierte Berichterstattung kennt. Die Zensur und Kontrolle des Ostblocks war uns immer Abschreckung genug, aber im Westen gibt es offenbar auch nichts Neues.

Bei Politikern und ganz besonders bei Präsidentschaftskandidaten ist es von äußerster Bedeutung, dass sie keinen Dreck an der Zigarre ääh am Stecken haben. Sie dürfen sich seit ihrer Pubertät nichts zu Schulden kommen gelassen haben (also das, was die, die keinen mehr hoch kriegen oder noch nie einen drin hatten, sich darunter vorstellen). Wie genau ihre politische Meinung ist, wie sie Demokratie, Frieden, Freiheit und Menschenrechte definieren, danach fragt niemand.
Und über die vorsintflutliche Bestrafung per Elektrostuhl oder Todesspritze will ich mich hier lieber gar nicht erst auslassen, sonst schweife ich noch komplett vom Thema ab.

Man muss den Eindruck gewinnen, dass der Amerikaner an sich von seinem Leben und vom Leben anderer nicht viel hält. Was soll ich also von solch einem Land halten?

Da gibt es eines um das ich sie beneide. Sie dürfen ihr Nationalbewusstsein ausleben. Auch wenn sich das lediglich in rot-weiß-gestreife-Fahnen-mit-blauen-Sternchen-Schwenken am Jahrestag der Indianderabschlachtung ausdrückt.
Bei uns ist es ja leider nicht sehr hipp, sein Land toll zu finden und stolz zu sein, hier zu leben. Und was die Abschlachtungen betrifft, haben auch die Enkelsenkel noch ein schlechtes Gewissen zu haben.

Mittlerweile hat sich meine Meinung über Amerika leider verschärft: durch die Ereignisse des 11. September haben die „Herrscher der Welt“ beschlossen, die Kontrolle über die Menschen zu perfektionieren. Wir werden irgendwann einen Chip eingebaut bekommen, das ist wohl das Ziel, und bis es soweit ist, wird uns die Einreise derart erschwert, dass zumindest ich Angst bekomme, irgendetwas falsch zu machen oder durch eine unbedachte Geste oder ähnliches aufzufallen. Wenn man berücksichtigt, wie sehr sich die amerikanischen von den europäischen Gepflogenheiten unterscheiden – wie Hund und Katze... da kann schnell mal ein Missverständnis aufkommen. Da werden ganze Flüge abgesagt, Flugzeuge durchsucht, sämtliche Passagiere noch einmal kontrolliert, Leute am Fliegen gehindert oder sogar ins Gefängnis gesteckt. Nur weil jemand eine beheizbare Motorradjacke trägt, ein Nachname tatsächlich doch noch ein weiteres Mal existiert und verwechselt wurde (gut, dass keiner der mutmaßlichen Terroristen Müller oder Meier heißt), katholische Ordensschwestern nach Weihrauch riechen, ein Beamter einen Fehler gemacht hat. Wenn man wider Erwarten doch fliegt, dann darf man keine schwache Blase haben, denn Schlange stehen vor den Bordtoiletten ist untersagt und fällt unter das Versammlungsverbot. Wer Hundestaffeln auf Flughäfen einsetzt, nicht um Drogen oder Waffen zu erspüren, sondern Lebensmittel, also Reiseproviant, braucht sich doch nicht wundern. Da darf man weder einen Apfel noch eine Allergie oder Phobie haben. Aber als Terrorist kommt man locker durch.

Bislang habe ich alles mehr oder weniger belustigt, erstaunt oder auch kopfschüttelnd betrachtet, ich realisiere erst jetzt, dass das auf mich ja jetzt auch alles zukommt. Und ich hatte mich immer erfolgreich dagegen gewehrt, in die DDR zu reisen....

Da treffe ich auf einen Zirkel USA-Begeisterter, der meine Ablehnung gar nicht verstehen kann. Die meisten sind sich zwar einig, dass sie wirklich spinnen, die Amis, aber die Landschaft sei so schön. Sie zeigen mir Fotos vom Colorado, wie er sich durch eine Steinschlucht schlängelt. Habt ihr eigentlich schon mal was vom Rhein gehört? Schon mal gesehen, was der für malerische Schleifen zieht, und zwar in wunderbarer grüner, weinberebter Landschaft, dekoriert von mittelalterlichen Schlössern und Burgen?
Die schöne Natur am Lake Powell? Also um den Titisee ist wenigstens Natur und im noch Wasser.
Die Altstadt in Santa Fe? Wie alt kann die schon sein. Ich war neulich erst in Speyer und bin überzeugt, dagegen kann die Westernstadt einpacken.
Ja und dann Volkers "rote Steine". Ein Unendliches an Nichts – außer Felsformationen. Kein Wasser, kein Grashalm, kein Lebewesen. Dort lebt nicht mal die Wüste. Da kann man sich doch gleich auf dem Mond schießen lassen (von dort hat man wenigstens einen schönen Ausblick auf die Erde ?).

Aber der Clou: bei uns in Europa liegen viele Sehenswürdigkeiten so nah beieinander, man muss nicht tagelang zum nächsten „Aussichtspunkt“ fahren oder fliegen und sich bereits am Vortag in aller Herrgottsfrühe um eine Eintrittkarte anstellen. Und im Gegensatz zu genmanipulierten E’s und free-coffee-refills aus endlosen Fastfoodketten, bei denen man mit dem letzten Bissen im Mund bereits vor die Tür gesetzt wird, gibt es bei uns überall eine ausgezeichnete regionale Küche, guten Wein und leckeres Bier und man darf sogar nach dem Essen sitzen bleiben und den Tag in Ruhe ausklingen lassen.......
 

Jetzt ist Amerika dran. Es wird es nicht leicht haben.

 

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